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In meinem Traum

In meinem Traum klingelt der Wecker.
In meinem Traum zieh' ich mich an.
in meinem Traum geh' ich zum Bäcker
und komme erst als fünfter dran.
In meinem Traum trink' ich Kaffee,
verbrenn' mir die Zunge, die Zunge tut weh,
zieh mir die Jacke an und geh',
fahr' ins Büro und bin dabei froh,
dass alles ein Traum ist.

In meinem Traum muss ich telefonieren,
unwichtige Briefe adressieren.
In meinem Traum macht mein Chef mich zur Schnecke,
weil ich die Briefmarken falsch rum ablecke.
In meinem Traum hat der Tag mich erschlagen,
sitz' ich im Heimwegstau in meinem Wagen,
komm' endlich nach Hause, küss' meine Frau,
begrüße die Kinder und weiß ganz genau,
dass alles ein Traum ist.

Zieh' meine Jacke aus und meine Schuhe,
möchte nur Abendessen und Ruhe,
küss' meine Kinder um neun Uhr Gutnacht –
alles im Traum, wie man's im Traum eben macht …


Aber jetzt hab' ich Zeit, jetzt kommt meine Stunde.
Jetzt verlier' ich keine weitere Sekunde.
Ich lass' meine Frau vor dem Fernseher dösen
und such' mir ein Buch raus und fang' an zu lesen.
Jetzt kommt der bedeutende Augenblick:
Jetzt komm' ich ins wirkliche Leben zurück …


Im wirklichen Leben bin ich der Held,
der strahlende Sieger, der Mann von Welt.
Im wirklichen Leben ist alles möglich.
Im wirklichen Leben ist gar nichts alltäglich.

Im wirklichen Leben bin ich ein Spion,
bin Alexander in Babylon,
bin Raskolnikov mit der Axt in der Hand
oder Damon mit dem Dolch im Gewand.

Im wirklichen Leben bau' ich eine Rakete,
spiel' ein Menuett auf der Zauberflöte.
Im wirklichen Leben bin ich ein Genie …
In meinem Traum: nie.


Das dauert so zirka ein bis zwei Stunden.
Dann hat mein Traum mich schon wieder gefunden,
zeigt mir die Traumuhr, scheucht mich empor:
Der Wecker wird klingeln! um Viertel vor!
Da ist mein Traum einfach ganz unnachsichtig,
treibt mich ins Bett, als wär das so wichtig,
Löscht mir das Licht, verdunkelt den Raum …
doch tief in mir drin berührt mich das kaum,
denn es ist nur ein Traum!

© 1999 Werner Bönzli, Reichertshausen


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