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Kommodenlied

Lied hören
(1,3 MB)

Ich wünsche mir eine Kommode,
ganz schlicht, unauffällig, modern,
mit zwei drei vier fünf sechs Schubladen,
die leicht gehen und sich nicht versperr’n.
Ich wünsche sie mir sehr geräumig
und trotzdem von außen kompakt.
Im Aussehen bieder und einfach,
doch im Inneren schlau und vertrackt.

    Sie wär’ die Lösung aller Probleme,
    sie wär’ das Ende jeglicher Qual.
    Sie wär’ der Mittelpunkt meines Lebens,
    sie wär’ ideal.

Sie böte mir Raum für die vielen
Kartons voller Fotografien,
die unsortiert, fast schon vergessen,
sich durch meinen Lebenslauf zieh’n.
Sie würde die Bilder erfassen
nach Datum, Motiv und Format
und nach Fotoästhetikkriterien –
sie wär’ mein Bildsortierautomat.

    Sie wär’ die Lösung aller Probleme,
    sie wär’ das Ende jeglicher Qual.
    Sie wär’ die Kunstgalerie meines Lebens,
    sie wär’ genial.

In einer der vielen Schubladen
hätten all’ meine Lieder gut Platz,
die fertigen und die missglückten,
mein gesammelter Liederschatz.
Sie würde die Lieder vollenden,
die ich niemals zu Ende gebracht.
Mein Repertoire würde verdoppelt,
ganz von selbst, mühelos, über Nacht.

    Sie wär’ die Lösung aller Probleme,
    sie wär’ das Ende jeglicher Qual.
    Sie wär’ das Liederbuch meines Lebens,
    sie wär’ tonal.

In der untersten, größten Schublade
wär’n Farben, Tapeten, Zement,
wär’n Pinsel und Zwingen und Spachtel,
halt das Chaos, das jeder Mann kennt.
Und nachts würde meine Kommode
in Dosen und Farbtöpfen rühr’n
und würde mein Baumarkt-Gestümper
still verbessern und zu Ende führ’n.

    Sie wär’ die Lösung aller Probleme,
    sie wär’ das Ende jeglicher Qual.
    Sie wär’ der Heinzelmann meines Lebens,
    sie wär’ phänomenal.

Ein kleines, verborg’nes Schublädchen
wär’ ganz exklusiv reserviert
für Zettel, Notizen und Nummern,
die ich selber nie find’, wenn’s pressiert.
Es ordnete meine Adressen,
es riefe sogar selber an
und schriebe die Festtagsglückwünsche,
die ich schon mal vergess’, dann und wann.

    Es wär’ die Lösung aller Probleme,
    es wär’ das Ende jeglicher Qual.
    Es wär’ das Vorzimmer meines Lebens.
    Es wär’ sozial.

Dank meiner patenten Kommode
könnt’ ich endlich jederzeit ruh’n.
Ich müsst’ mich um gar nichts mehr kümmern,
sie würd’ alles sofort für mich tun.
Sie enthöbe mich all meiner Sorgen,
sie nähme mir Sämtliches ab.
Ich müsste dann gar nicht mehr leben –
und sie grübe mir auch noch mein Grab.

    Sie wär’ die Lösung aller Probleme,
    sie wär’ das Ende jeglicher Qual.
    Sie wär’ das non plus ultra meines Lebens,
    sie wär’ final.

© 2009 Werner Bönzli, Reichertshausen


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