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Koch und Zahnarzt

Ein Zahnarzt saß in einem Restaurant und aß
die Nummer achtundsechzig: Curryhuhn mit Reis.
Er kaute fröhlich vor sich hin und freute sich bereits auf das Dessert:
heiße Himbeern auf Vanille-Eis!
Auf einmal spürte er in seinem vollen Mund
ein Knirschen und ein Krachen im Quadranten Nummer zwei.
Eine Exploration
mit der Zunge machte klar:
Mit dem Zahn gleich hinterm Eckzahn war’s vorbei!

Aus heit’rem Himmel traf ihn dieser Schicksalsschlag.
Der Sachverhalt war leider Gottes sonnenklar:
In seinem Mund befand sich zwischen Huhn und Reis ein abgebroch’ner Zahn
und ein Steinchen, das der Anstoß war.
Der Zahnarzt nahm die Serviette vor den Mund
und räumte ganz diskret den Hühnchen-Reis-Brei wieder aus
auf den freien Tellerrand.
Dann sondierte er von Hand,
ganz geduldig, bis er Zahn und Steinchen fand.

    Es gibt Momente, wo man nur noch „Scheiße! Scheiße!“ denkt,
    wo man sich wünscht, man hätte besser aufgepasst.
    Das sind Momente, die man ziemlich lange nicht vergessen kann.
    Das sind Momente, die man gründlich hasst.

Der Ober kam zum Tisch und fragte: „Hat’s geschmeckt?“
Der Zahnarzt sagte: „Bitte, rufen Sie den Koch.
Es gibt da eine Kleinigkeit, die ich mit ihm besprechen muss. Was ist?
Worauf warten Sie? Geht’s heute noch?“
Der Ober sah erst jetzt, was auf dem Teller lag.
Er ahnte gleich den Ernst der Lage, sagte keinen Ton
und begab sich in die Küche,
sprach zum Chef der Wohlgerüche:
„Am Tisch drei gibt’s eine Reklamation!“

Der Meister drückte seine Zigarette aus
und setzte seine imposante Mütze auf.
Er wischte sich die Finger an der Schürze, und im Geiste fuhr er schon
ein paar schwerere Geschütze auf.
Er hasste nämlich jede Reklamation.
Er sah sich selbst als ein verkanntes Spitzenkochgenie
und war jedes Mal empört,
wenn er hörte, dass was stört,
weil er meinte, dass Kritik sich nicht gehört.

    Es gibt Momente, wo man sich die Frage stellt, warum
    bin ich nur Koch geworden und nicht Millionär.
    Das sind Gedanken, die man möglichst weit beiseite schieben soll.
    Das sind Momente, die sind etwas schwer.

Er schob sich durchs Lokal und blieb beim Zahnarzt steh’n
und fragte nur: „Was ist?“, ganz kurz und schnörkellos.
Dann sah auch er die Pampe auf dem Tellerrand und fügte noch hinzu:
„War dem Herrn die Portion zu groß?“
Der Zahnarzt zeigte auf den abgebroch’nen Zahn
und auf den kleinen Stein, der unscheinbar daneben lag,
und er sagte: „Dieser Stein
gehörte in den Reis nicht rein,
das wird für Sie ein vierstelliger Betrag.“

Der Koch begriff und spürte einen Kloß im Hals.
Er sagte: „Ich weiß nicht, ob ich Sie recht versteh’.
Ich red’ nicht lange um den heißen Brei herum und sage Ihnen gleich,
welches Haar ich in der Suppe seh’.
Vielleicht hat dieser Zahn von selber schlapp gemacht,
und Sie woll’n mich nur kostenmäßig in die Pfanne hau’n,
hol’n das Steinchen aus dem Schuh,
legen es zum Zahn dazu
und erwarten dann, dass ich das schlucken tu.“

    Es gibt Momente, wo man sich erinnert, dass man nicht
    allzu naiv sein darf in dieser schlechten Welt.
    Das sind Momente, wo ein abgrundtiefes Misstrauen erwacht.
    Das sind Momente, wo ein Groschen fällt.

Dem Zahnarzt blieb der Mund ein Weilchen offen steh’n.
Dann endlich sagte er zum Koch: „Mein guter Mann,
ich merke schon, Sie fühlen mir ein bisschen auf den Zahn und wollen seh’n,
ob man der Geschichte trauen kann.
Na schön, ich werde Ihnen eine Brücke bau’n:
Ich gebe Ihnen meine Karte, denn die zeigt es klar:
Ihr Verdacht macht keinen Sinn,
weil ich nämlich Fachmann bin
und weil deshalb dieser Zahn in Ordnung war.“

Der Koch nahm die Visitenkarte in die Hand
und sagte: „Tut mir leid, doch das hat kein Gewicht.
Ich gebe keinen Pfifferling auf Ihren Doktortitel »med.« und »dent.«;
Ihr Privatgebiss betrifft er nicht.
Ich riech’ den Braten, Ihnen geht’s nicht nur ums Geld.
Sie woll’n mir in die Suppe spucken und den guten Ruf
meiner Küche ruinier’n,
denn Sie könn’n nicht akzeptier’n,
dass nicht Sie an meinen Zähnen praktizier’n.“

    Es gibt Momente, wo man plötzlich zu verstehen glaubt,
    wo man Motive ahnt, die gar nicht existier’n.
    Das sind Momente, wo man leicht paranoid erscheinen kann.
    Das sind Momente, da kann man sich blamier’n.

Der Zahnarzt sagte: „Mir ist schnurzepiepegal,
in welcher Praxis ihr Gebiss zum Himmel stinkt.
Was Sie mir unterstellen, setzt dem Trauerspiel die Krone auf, mir tut
jeder leid, der hier sein Bierchen trinkt.
Ich sehe schon, wir müssen etwas tiefer bohr’n.
Das heißt, wir bringen die Geschichte einfach vor Gericht.
Das wird an die Wurzel geh’n,
und dann werden wir ja seh’n,
wessen Nerv getroffen wird – meiner nicht.“

Der Koch sprach: „Mit Gerichten kenne ich mich aus.
Ich hab’ davon schon jede Menge abgeschmeckt.
Und geht es um die Wurst, dann macht mir keiner etwas vor, dann zeigt sich erst,
welcher Teufelsbraten in mir steckt.
Sie können mich verklagen, wo und wann Sie woll’n.
Die Suppe, die versalz’ ich Ihnen, dass die Schwarte kracht!
Für mich sind Sie ein kleiner Fisch,
und Ihre Argumente wisch’
ich mit der linken Hand von Ihrem Richtertisch!“

    Es gibt Momente, wo man sich mal selber überrascht,
    wo man sich denkt, das hätt’ ich mir nicht zugetraut.
    Das sind Momente, die man gerne in Erinnerung behält.
    Das sind Momente, woran man sich erbaut.

Der Zahnarzt sah erschrocken diese Kampfeslust.
Er hätte nie geglaubt, dass so ein Küchenwicht
der Aussicht auf ein Nachspiel vor Gericht so souverän begegnen könnt’;
diese Reaktion gefiel ihm nicht.
Die Sache schien auf einmal nicht mehr ganz so klar.
Im Geiste sah er sich bereits vor einem Richter steh’n
mit dem lächerlichen Stein,
und der Richter sagte: „Nein,
was dieser Stein beweisen soll, kann ich nicht seh’n.“

Der Zahnarzt sagte schließlich: „Warten wir’s mal ab.
Und schicken Sie den Ober mit der Rechnung her.“
Der Koch frohlockte innerlich, weil er gewonnen hatte, und er sprach:
„Immer gern zu Diensten, bitte sehr!“
Der Ober kam, der Zahnarzt zahlte und verließ
die Wirtschaft ohne Zahn und ohne Steinchen als Beweis,
ohne Regung im Gesicht,
ohne Lebenszuversicht,
ohne heiße Himbeern auf Vanilleeis.

    Es gibt Momente, wo das Leben ohne Sinn erscheint,
    wo man nicht glaubt, dass sich das Blatt wieder mal dreht.
    Das sind Momente, wo man in ein schwarzes Loch hinein versinkt;
    Momente, wo man Gott und Welt nicht mehr versteht.

© 2009 Werner Bönzli, Reichertshausen


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