Bücherei-Tango
Strophen 4 bis 7 hören (660 KB)
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In der Bücherei
nachts um halb zwei
ist es nicht geheuer.
Durch die Scheiben bricht
ein fahles Licht.
Es rieselt im Gemäuer.
An jeder Wand
steht Band an Band
gedrängt in Holzregalen.
Niemals ausgeliehn;
ohne Zweck und Sinn
leiden Bücher Qualen.
Edle Klassikbände
klagen ohne Ende
und flüstern von den alten Zeiten,
als man sie noch schätzte,
als man sich ergötzte
an ihren eng bedruckten Seiten.
In eleganten
schwarzen Folianten
zerfällt die Wissenschaft von gestern,
ohne Ergebnis,
ohne Begräbnis,
nur beweint von älteren Semestern.
Ein paar Philosophen
fangen an zu schwofen.
Es sind Adorno, Bloch und Hegel.
Mitten im Gewimmel
spricht Konsalik mit Simmel
über eine neue Rechtschreibregel.
Die Brontë-Sisters führen
mit den Musketieren
eine Polonaise durch alle Gänge.
Frisch und Fromm und Keller
drehn sich immer schneller.
Immer fröhlicher wird das Gedränge.
Clemens von Brentano
ist mit Ralph Giordano
überhaupt nicht einverstanden.
Überhaupt nicht mystisch,
nur antifaschistisch –
so wird die Literatur zuschanden.
Egmont liest für Klärchen
aus Heines Wintermärchen.
Sie sagt: So kann man doch nicht schreiben!
Brecht und Kafka schwätzen,
George feilt an Sätzen,
Tucholsky sagt: Mensch, lass es bleiben!" |
(Alternative Strophe, für ein Buchhersteller-Publikum:)
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Alte Schusterjungen
tanzen eng umschlungen
mit unvermählten Hurenkindern.
Vergessene Blockaden
stiften späten Schaden,
da sie den Lesefluss behindern.
Falsche Ligaturen,
die beredten Spuren
flüchtig angelernter Typographen,
ewig falsch verbunden,
lecken ihre Wunden,
seufzen wie geschundne Kettensklaven.
Druckerschwarze Zeichen
zittern und erbleichen,
wenn der Golem übern Bundsteg schreitet.
Grauen weckt die Szene,
wie Faust die fromme Lene
nächtens auf den Zauberberg geleitet.
In der Giftschublade
quält Marquis de Sade
sich mit seinen libidinösen Zwängen.
Zwei Regale weiter
stimmt François sich heiter
mit testamentarischen Gesängen.
Eine Rättin wispert.
Ein Computer knistert.
Ein Messingschild sagt Bitte leise!".
Desdemona schaudert,
wenn Herr von Goethe plaudert
über die Marienbader Reise.
Unterhalb des Daches
unterhält Klein-Zaches
sich mit Ernst Theodor Amadeus,
und hinterm Schild aus Messing
parliert der alte Lessing
mit einem schwarzen Skarabäus.
In der Bücherei
nachts um halb drei
wird es langsam stiller.
Nur der Wilhelm Tell
streitet sich noch schnell
auf Schweizerdeutsch mit Friedrich Schiller.
Deckel klappen zu.
Alles geht zur Ruh.
Alles Leben stirbt im Saal.
Und wenn das Licht
des Tages anbricht,
ist alles wieder ganz normal.
© 2004 Werner Bönzli, Reichertshausen
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